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Lang lebe die Kinderrepublik!

Über Selbstverwaltung und Partizipation im Zeltlager – damals und heute

Wir sind das Bauvolk

Unser diesjähriges Sommerlager in Döbriach hatte alles, was ein gelungenes Sommerlager der Roten Falken braucht: Zelteln und Lagerfeuer, neue Freunde und Dorfgemeinschaft, Spiel und Spaß, politische Workshops und chillen am Strand – sowie viel, viel Sonne und nur ein wenig Regen.

All das (und noch etliches mehr) gehört zu einem Sommer in Döbriach dazu. Als Rote Falken haben wir jedoch nicht nur den Anspruch, für unsere Kinder und Jugendlichen zwei schöne und unbeschwerte Wochen zu organisieren. Seit jeher sind für uns unsere Lager ein wesentlicher Teil unserer politischen und pädagogischen Arbeit. Ein zentrales Ziel war und ist, dass wir auf unseren Zeltlagern einen gesellschaftlichen Gegenentwurf zur kapitalistischen und kinderfeindlichen Umwelt entwickeln und diesen für Kinder (er)lebbar machen. Dieses Ziel verfolgend wurde in den zwanziger Jahren eine geniale Idee geboren: Die Kinderrepublik. Die erste Kinderrepublik wurde 1927 in Seekamp bei Kiel ausgerufen und war in ihrem Aufbau, dem Programm und der sozialistischen Erziehungsarbeit beispielgebend für alle weiteren Zeltlagertätigkeiten der Falken.

Kurt Löwenstein, der große Theoretiker der sozialistischen Erziehungsbewegung in Deutschland beschreibt die Idee der Kinderrepubliken wie folgt: „Was wollen wir Kinderfreunde mit unseren Kinderrepubliken? Unsere Roten Falken singen „Wir sind das Bauvolk der kommenden Welt“ und die Kinderrepubliken sind gar nichts anderes als die praktische, kindlichem Können angepasste Verwirklichung dieses Gedankens.“   

Seekamp war nicht nur zahlenmäßig ein großer Erfolg (2300 Kinder nahmen daran teil), sondern hinterließ bei allen Teilnehmern einen tiefen, bleibenden Eindruck. Aus Österreich nahmen die Kinderfreunde Max Winter und Anton Tesarek mit acht Kindern am Seekamper Lager teil, um später die Idee der Kinderrepublik begeistert nach Hause zu tragen.

Alles von Kindern für Kinder

Die österreichische Roten Falken und Kinderfreunde gründeten in der Folge auf ihren Zeltplätzen wie jenem in Keutschach bald ihre Kinderrepubliken. Der Grundsatz lautete: „Alles von Kindern für Kinder“ und es wurden erste wichtige Erfahrungen mit dem Prinzip der Selbstverwaltung und Demokratie gesammelt. Die Entwicklung der Kinderrepubliken wurde wenige Jahre später mit der Machtübernahme der Austrofaschisten 1934 und dem Verbot der Sozialdemokratie jäh unterbrochen. Als 1938 die Nationalsozialisten ihre Schreckensherrschaft errichteten war die Falkenarbeit schon vier lange Jahre nur mehr in der Illegalität möglich.   

Nach dem zweiten Weltkrieg markiert das Jahr 1949 die Geburtsstunde unseres Zeltplatzes in Döbriach. Gleich mit dem ersten Lager, das in Döbriach stattfand, wurde die Idee der Kinderrepublik wiederbelebt. Im Sommer 1949 errichteten 2200 Rote Falken aus ganz Österreich die Kinderrepublik „Frohe Zukunft“.

Selbsttätigkeit, Selbstverwaltung, Selbstregierung

 
Mit der demokratischen Organisation des Lagers wurde die Tradition der Kinderrepubliken der Zwischenkriegszeit wieder aufgenommen. Anton Tesarek beschreibt im Jahre 1945 die Bedeutung der demokratischen Formen auf den Lagern: „Drei wichtige Grundsätze jeder fortschrittlichen Erziehung werden in unseren Roten-Falken-Lagern […] verwirklicht. Selbsttätigkeit, Selbstverwaltung, Selbstregierung.“

In der Praxis wählten die Kinder der Kinderrepublik in Döbriach ihre Dorfbürgermeister/innen. Es gab ein Falkenparlament, das nur von Kindern beschickt wurde und einen Lagerrat, in dem Kinder und Erwachsene gemeinsam entschieden. Außerdem gab es einen Kinderkonsum, der von den Kindern geführt wurde und bei dem jedes Kind Genossenschaftsmitglied wurde.

Das Modell der Kinderrepublik Frohe Zukunft war erfolgreich und konnte ein Jahr später beim internationalen Falkencamp in Döbriach, zu dem 3250 Kinder anreisten, übernommen werden.

In den folgenden Jahren stand das Prinzip der demokratischen Selbstverwaltung auf Falkenlagern mal besser, mal schlechter im Kurs, verschwand aber nie völlig aus dem Fokus der Roten Falken.

Kinderrepublik_09

Uns auf unsere pädagogischen und politischen Wurzeln besinnend haben wir Roten Falken 2008 beschlossen, wiederum eine Kinderrepublik in Döbriach zu errichten. Um wichtige Erfahrungen aus dem Vorjahr reicher konnten wir heuer zum zweiten Mal in Folge die Kinderrepublik Döbriach ausrufen. Der Organisation der Republik gingen lange Diskussionen voraus, die sich mit vielen Fragen des Aufbaus der Republik beschäftigten: Wie viel Arbeits- und Sitzungsaufwand kann den Kindern zugemutet werden? Wie hoch soll der Erwachsenenanteil im Parlament sein? Welchen Entscheidungsspielraum soll den Kindern zugestanden werden? Was kann von Kindern selbst erledigt und organisiert werden?

Aber es wurden auch grundlegende Fragestellungen diskutiert, die das Spannungsfeld beschreiben, in dem wir uns beim Thema Kinderselbstverwaltung befinden: Was, wenn die Kinder Unvernünftiges, Gefährliches beschließen? Wie können wir verhindern, dass das Selbstverwaltungsprinzip zur Pseudodemokratie verkommt? Was brauchen die Kinder, um tatsächlich und selbstverantwortlich den demokratischen Spielraum nutzen zu können?   

All diese Fragen werden wir vielleicht nie vollständig und zu aller Zufriedenheit beantworten können. Aber wir können Jahr für Jahr daran arbeiten, dass unsere Zeltlager ein Ort ist, wo Kinder und Jugendliche Demokratie erfahren und erleben können, ein Ort den die Teilnehmer/innen gestalten und verändern können, ein Ort, an dem Solidarität und Gemeinschaft spürbar werden. Daher ist unser Sommerlager ein Experimentierfeld sozialistische Erziehungsarbeit, für Erwachsene und Kinder gleichermaßen: Wir erwachsenen Falken müssen erproben, wie wir unsere Grundwerte am besten praktisch erlebbar und begreifbar machen und unsere Kinder und Jugendlichen müssen herausfinden wie sie die Verantwortung und die Möglichkeiten, die mit der Selbstverwaltung verknüpft sind, einsetzen können und wollen.

Für die Zukunft werden wir unsere Bemühungen verstärken müssen, auch während des  Falkenjahres (in den Heimstunden…) Partizipation und Selbstverwaltung der Kinder und Jugendlichen zu fördern. Nur das permanente Einüben von Demokratie versetzt uns und die Kinder in die Lage, die Selbstregierung in der Kinderrepublik im vollen Umfang umzusetzen.

[1] Kurt Löwenstein, 1931

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