Die Kompetenz liegt im Spielen

Die Kompetenz liegt im Spielen

Die schlechte Nachricht: Eltern können nicht wirklich mit Schulanfänger*innen für die Schule üben. Die gute Nachricht: das müssen sie auch nicht, weil die Kinder das im Alltag erledigen. Lerncoach Martina Pesl erzählt im Interview, wie Kinder spielend lernen und was sie nach Corona dringend brauchen.

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1. Corona hat stark in unseren Alltag eingegriffen. Besonders betroffen sind die Kinder, die aus ihrer gewohnten Welt herausgerissen wurden. Bei Schulanfänger*innen kann man sagen, dass sie um ihr letztes Kindergartenjahr gebracht wurden. Haben Sie einen Rat, wie Eltern mit dieser Situation umgehen können?

Für die Kinder ist das letzte Kindergartenjahr etwas Besonderes. Man gehört zu den Großen und die Pädagog*innen unterstützen die Vorschulkinder sich auf die Schule vorzubereiten. Das Abschiednehmen von einem besonderen Lebensabschnitt kann heuer leider nicht in dem Rahmen stattfinden, wie wir es ihnen wünschen würden. Es fehlen ganz viele Aktivitäten und Rituale. Die Eltern müssen nicht krampfhaft versuchen das Kindergarten-Programm zuhause anzubieten. Wichtig finde ich, dass das Thema Schule positiv ins Gespräch gebracht wird und negative Sätze wie „du bist schon Schulanfänger, du musst das schon können“ vermieden werden. Das Loben darf nicht vergessen werden, es zeigt den Kindern, dass sie gesehen werden und stärkt ihr Selbstbewusstsein.

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2. Manche Eltern fürchten sich geradezu vor dem Begriff „schulreif“ bzw. haben Angst, ihr Kind könnte diese Schulfähigkeit noch nicht haben. Was geben Sie denen mit?

Vielen ist gar nicht bewusst, wie viele Kompetenzen im normalen täglichen Spielen trainiert werden. Im Kindergarten geht es ja auch hauptsächlich um eine spielerische Vorbereitung. Die kann man zuhause auch in den Alltag integrieren. Etwa Konstruktionsspiele, also mit Lego spielen, mit Knete oder Sand. Da geht’s um Kreativität, die Feinmotorik wird trainiert, was wichtig ist für das spätere Schreiben. Oder Regelspiele, damit eine Frustrationstoleranz entwickelt wird und soziale sowie emotionale Kompetenzen trainiert werden. Bei Rollenspielen mit Geschwistern und Nachbarskindern wird Kommunikation geübt und Erfahrungen und Gefühle können verarbeitet werden. Bewegung ist auch ganz wichtig für Motorik, Kraft, Gleichgewicht und Koordination. Wenn ich das alles Eltern aufzähle, dann schauen sie mich mit großen Augen an, weil sie sich dessen gar nicht bewusst waren. Ganz wichtig ist auch, dass man die Eigenständigkeit bei Kindern fördert. Dass sie sich alleine anziehen können und im Alltag kompetent werden. Gemeinsam Tisch decken oder Socken sortieren und zusammenlegen wären gute Anwendungsbeispiele.

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3. Vor Corona wie nach Corona beschäftigt viele Eltern von Schüler*innen die Frage: Wie können Kinder in den Ferien auf den Schulanfang vorbereitet werden? Ist es überhaupt notwendig?

Die Frage ist schwer pauschal zu beantworten, weil jedes Kind und jede Familie sehr individuell ist. Generell sind Ferien aber da, damit das Kind, einfach nur Kind sein kann, und nicht um halb sieben mit einem Wecker aufstehen zu müssen und den ganzen Tag am Schreibtisch zu sitzen. Man lernt ja nicht für die Schule, sondern für das Leben, dieser Spruch gilt auch in den Ferien.

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4. Während Corona waren ja die Kinder auch zuhause...

Das darf aber nicht mit Ferien verglichen werden. Es hat niemand gewusst, wie es weitergeht, ist die eigene Gesundheit bedroht? Die sozialen Kontakte haben gefehlt, die ganz wichtig sind für die Kinder, je älter sie werden. Vor allem für Teenager. Es sind viele Ängste und Unsicherheiten dabei gewesen. Sowohl für Kinder als auch für Eltern.

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5. In dieser Zeit wurde ja außerdem auch zuhause gelernt. Was sind positive Aspekte, die das Distance Learning gebracht hat?

Definitiv erweitert worden sind die EDV Kenntnisse und die Selbstorganisation. Was auch mitgenommen werden kann aus der Zeit, ist die Wertschätzung in die Schule gehen zu dürfen. Außerdem haben Eltern ihre Kinder von ganz anderen Seiten kennen gelernt und können nun beim Lernen viel individueller auf sie eingehen. Ein ganz großer Bonus war, dass es in dieser Zeit kaum Mobbing und Gruppenzwang gegeben hat. Das betrifft alle Altersstufen. Kinder, die davon stark betroffen waren, hatten in dieser Zeit eine enorme Ruhe und wenig Stress.

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 6. Wie können Eltern für Teenager da sein, die neben den äußeren Umständen von Corona auch mit inneren Umbrüchen beschäftigt sind?

Wichtig ist, dass man die Sorgen der Teenager nicht ignoriert oder herunterspielt. Das passiert oft aus eigener Angst und Unsicherheit. Teenagern fällt es oft schwer, über Gefühle zu reden und manchmal sind sie sich der Gefühle gar nicht bewusst oder können diese noch nicht zuordnen. Wenn man versucht ein Gespräch mit Kindern aufzubauen, endet das oft in einem Ausfragen, weil die Teenager oft gar nicht wissen, was sie antworten sollen, oder weil sie es auch nicht wollen. Oft hilft es, wenn man als Elternteil selbst seine eigenen Gefühle erklärt und sagt, ich kann die derzeitige Situation überhaupt nicht begreifen und das macht mir Angst. Wichtig ist, dass man positive Dinge anspricht. Jetzt, wo das aktive Leben außerhalb wieder beginnt, sollte man die sozialen Kontakte fördern und die Kids motivieren, ihre Hobbies, Sport, Kunst, Musik, wieder auszuüben. Auch schauen, was macht mein Kind wirklich gern? Und: was kann mein Kind gut und wie kann ich das fördern? Das alles brauchen Teenager, um eine eigenständige Persönlichkeit zu entwickeln. Genauso wichtig ist aber die Sicherheit und die Akzeptanz zu Hause. Wir wollen Kinder stark machen für ein gutes, zufriedenes, gesundes Leben. Gerade Teenager brauchen eine Hand, die sie hält und gleichzeitig loslässt.

 

 

Infoxbox:

Martina Pesl wurde 1981 in Linz geboren und ist leidenschaftliche Mama von zwei Kindern. Sie arbeitet als Gesundheits- und Krankenpflegerin auf einer Neuro-Intensivstation. Im Zuge des Psychologie-Studiums kam sie mit der pädagogischen Lernberatung in Kontakt, die sie heute selbstständig in ihrer „Praxis für Lernkompetenz“ ausübt. Neben dem Lerncoaching sind Schulfähigkeit und das kognitive Training wichtige Bereiche ihrer Arbeit.

Martina Pesl bietet Vorträge, Kurse, Elternberatungen und Coachings für Lernende an.

    Weitere Infos

    martina@lernkompetenz.at       

    www.lernkompetenz.at 

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