Interview Zechmeister

Kaktusumarmen leicht gemacht

Die Pubertät ist ein Schreckgespenst für viele Eltern. Elternbildner Werner Zechmeister hilft dabei, es zu verscheuchen und Eltern für diese wichtige Phase im Leben ihrer Kinder „fit“ zu machen.

 

Der bekannte Familientherapeut Jesper Juul hat gesagt: „Erziehung ist mit zwölf vorbei“. Was sagen Sie?

Genauso ist es. Erziehung findet in den wichtigen Lebensjahren von null bis drei und von drei bis sieben statt. Ab zwölf Jahren, wenn die Jugendlichen in die Pubertät kommen, ist es mehr eine Begleitung. In der Pubertät wollen und müssen sie sich von den Eltern abgrenzen, damit sie eine eigene Persönlichkeit entwickeln können. Der Bub will eine eigene Männlichkeit, das Mädchen eine eigene Weiblichkeit entwickeln.

Das klingt eigentlich alles sehr harmlos.

Ist es ja auch!

Warum haben dann so viele Eltern Angst davor?

Weil sie sich zu wenig auf die Pubertät vorbereiten. Überall muss ich eine Prüfung machen. Wenn ich den Führerschein mache, wenn ich die Matura haben will, dasselbe bei einer Lehre. Für’s Elternsein, da braucht man keine Prüfung. Die Eltern werden da hineingeschossen – auch in die Pubertät. Bis zu einem gewissen Alter sind die Jugendlichen relativ handzahm. Dann kommt die so genannte böse Pubertät und zerstört das ganze wieder. Um eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln, versuchen die Jugendlichen sich abzugrenzen. Dadurch nehmen sie das, was die Eltern gut meinen, nicht mehr an. Das ist für viele Mütter und Väter schlimm, denn sie wollen nur das Beste für ihre Kinder. Wenn ich mich aber vorbereite auf das, was in der Pubertät passiert, brauche ich es gar nicht so dramatisch nehmen.

Begleitung hat auch mit Kommunikation zu tun. Wie gelingt der Dialog, wenn Eltern und Kinder schon in der Eskalation sind?

Wenn es heißt, reden wir mitsammen, dann kommen fast immer nur Vorwürfe. Dadurch kommt auch keine Kommunikation zustande, weil sich jeder gegen die Beschuldigungen wehrt. Kommunikation von den Eltern zum Kind kann nur dann funktionieren, wenn ich frage: wie siehst du das? Was ist deine Meinung dazu? Wir müssen die Kinder fordern, zu sprechen. Wenn wir die Kinder – speziell in der Pubertät – kennenlernen möchten, sehen wollen, was sie für eine Lebensphilosophie haben, dann muss ich sie fragen. Wir wollen ihnen aber oft sagen, wie das Leben geht. Deshalb empfehle ich Eltern, ihr Kind kennen zu lernen.

Also den Kaktus zu umarmen. Geht es auch ohne Stacheln?

Ja. Das ist nur unser Empfinden. In der Pubertät ist es ähnlich wie im Trotzalter. Da lernt das Kind neue Gefühle. Wenn unterschiedliche Gefühle zusammenkommen, kann das Kind damit nicht umgehen. In der Pubertät ist das dasselbe. Da kommen auch verschiedene Sachen zusammen, weil sie neue innere Situationen erleben. Die Kinder sind oft verunsichert, haben einen schlechten Selbstwert, psychisch und körperlich verändert sich was. Weil der Körper unregelmäßig wächst, einmal die Beine, einmal die Arme, dann der Oberkörper, werden sie linkisch. Sie bringen gewisse Sachen nicht zusammen. Das, was sie früher total super gemacht haben, klappt plötzlich nicht mehr. Und dadurch fällt natürlich auch der Selbstwert. Jetzt stehen sie alleine mit sich da und fragen sich, was mit ihnen los ist. Dadurch entsteht eine Reihe von Verunsicherungen. Dass die Jugendlichen eine eigene Denkweise haben, nicht so wie wir, das ist auch klar. Sie denken eben wie Zwölfjährige. Wir erwarten von ihnen, dass sie so denken wie wir. Das geht ja nicht, wann dürfen denn die dann jung sein? Es ist wichtig, dass wir ihre verschrobenen Meinungen auch annehmen und nicht gleich sagen, das ist ein Blödsinn. Das funktioniert nicht! Viel besser wäre es zu sagen, super, dass du so denkst, meine Meinung ist halt so und so. Und das ist Begleitung: sie sollen meine Meinung wissen, aber ich drücke sie ihnen nicht rauf. Ich nehme mein Kind so an, wie es ist. Auch mit seiner Meinung. Wir zeigen nur gewisse Dinge auf, aber das Kind darf entscheiden, was es annimmt.

Das heißt auch hier, einfach da sein?

Genau, da sind wir wieder bei Jesper Juul. Nicht versuchen, sie umzuerziehen, sondern auf ihrem Weg, den sie gehen, begleiten. Ich erkläre die Pubertät immer so: wenn man ein Kind bekommt, kriegt man ein Puzzle mit 100.000 Teilen. Das baut man bis zum Alter von sieben Jahren zusammen. Dann kommt die „böse“ Pubertät und zerstört das Puzzle. Dann müssen die Jugendlichen das Puzzle alleine zusammenbauen. Wir können sie dabei nur begleiten. Am Ende der Pubertät haben sie – weil sie ihre eigene Persönlichkeit entwickelt haben – das Puzzle dann erfolgreich zusammengesetzt.

Werner Zechmeister ist selbstständiger Lebensberater. Seit 2005 hält er Vorträge, Workshops und Seminare zu Erziehungsthemen vom Trotzalter über Grenzen setzen bis zur Pubertät.

Die nächsten Termine:

7.4. Eltern-Kind-Zentrum Asten: ...und plötzlich wird alles anders mit Werner Zechmeister
28.9. Eltern-Kind-Zentrum Wilhering: Pubertät/Vorpubertät mit Leslie Jäger

Informationen zu Elternbildungsangeboten gibt es auf www.kinderfreunde.cc und direkt im jeweiligen Regionsbüro der Kinderfreunde!

Druckansicht
 

Österreichische Kinderfreunde  
Landesorganisation Oberösterreich

Wiener Straße 131, 4020 Linz
Tel.: 0732 / 77 30 11 – 0